Einleitung
Wer Industrieanlagen plant, baut oder betreibt, kennt die Schlüsselrolle von NH-Sicherungslasttrennern. Sie kombinieren die Schutzfunktion eines NH-Sicherungseinsatzes mit der Möglichkeit, Stromkreise unter Last sicher zu trennen. In diesem Leitfaden zeigen wir Ihnen, wie Sie Hager NH-Sicherungslasttrenner in der Praxis richtig auswählen und dimensionieren – inklusive einer klaren Vorgehensweise zur Selektivität. Ziel ist ein normgerechtes, wartungsfreundliches und kostenoptimiertes Schutzkonzept, das in der industriellen Realität funktioniert.
Was macht einen NH-Sicherungslasttrenner aus?
Ein NH-Sicherungslasttrenner nimmt NH-Sicherungseinsätze auf (z. B. gG oder aM) und stellt eine definierte Trennstelle unter Last bereit. Gegenüber reinen Sicherungshaltern bietet der Lasttrenner erhöhte Betriebssicherheit, Bedienkomfort und klare Zustandsanzeigen. Für Einkauf, Planung und Instandhaltung ergibt sich: selektiver Schutz, kurze Stillstandszeiten und ein standardisierbarer Gerätepark.
Vorteile von Hager NH-Sicherungslasttrennern
- Sicherheit & Bedienung: Lasttrennfunktion, klare Schaltstellungsanzeige, Berührungsschutz.
- Breites Spektrum: Baugrößen NH000 bis NH3, für unterschiedliche Bemessungsströme und Anwendungen.
- Flexible Integration: Montage auf Sammelschiene (z. B. 60 mm/185 mm) oder Montageplatte, Leitungsabgang oben/unten.
- Signalisierung & Service: Hilfskontakte/Mikroschalter, Kennmelder, Zubehör für schnelle Sichtprüfung.
- Kostenkontrolle: Standardisierung auf Hager reduziert Variantenvielfalt, Lagerbestände und Montagezeiten.
Normative & technische Grundlagen (Kurzüberblick)
- Schaltgeräte: Anforderungen an Trenn- und Lasttrennschalter (z. B. IEC/DIN EN 60947-3).
- Sicherungseinsätze: NH-System, Betriebsklassen gG (Allgemeinschutz) und aM (Motorkurzschlussschutz).
- Bemessungswerte: Bemessungsstrom (In), Bemessungsbetriebsspannung (Ue), Isolationsspannung (Ui), Kurzschlussfestigkeit (bedingter Kurzschlussstrom).
- Umgebung: Temperatur, Belüftung, Verschmutzungsgrad, Einbaulage, Verdrahtung.
Schlüsselparameter bei Auswahl & Dimensionierung
Baugröße & Strombereich
Die gängigen NH-Baugrößen NH000, NH00, NH0, NH1, NH2, NH3 decken verschiedene Strombereiche ab. Die richtige Baugröße hängt ab von Dauerstrom, Kurzschlussniveau, Leiterquerschnitten, thermischer Belastung und verfügbarem Bauraum.
Betriebsklasse des NH-Einsatzes
- gG: Universal für Leitungs- und Anlagenschutz (Überlast + Kurzschluss).
- aM: Motorkurzschlussschutz; der thermische Schutz wird durch Motorschutzrelais oder Leistungsschalter übernommen.
Die Wahl beeinflusst Auslöseverhalten, Selektivität und Koordination mit nach- und vorgeschalteten Schutzorganen.
Montagekonzept & Integration
Je nach Schaltschranklayout entscheiden Sie zwischen Sammelschienen- und Montageplatten-Aufbau. Planen Sie den Leitungsabgang (oben/unten), Verdrahtungswege, Mindestabstände und das Wärmemanagement ein.
Anschluss & Leitertechnik
Die gewählte Klemmenart (Schraub-/Rahmenklemme) muss die vorgesehenen Leiterquerschnitte abdecken. Entscheidend für die Betriebssicherheit: saubere Kontaktflächen und korrekte Anzugsmomente.
Signalisierung & Überwachung
Hilfskontakte ermöglichen die Fernmeldung von Schaltstellungen in Leitsysteme. Sichtfenster/Kennmelder erleichtern die Sichtprüfung im Betrieb.
Praxisleitfaden: Auswahl & Dimensionierung Schritt für Schritt
- Lastdaten erfassen: Dauerstrom, Lastprofil, Anlauf-/Einschaltströme (Motoren/Transformatoren), Gleichzeitigkeiten.
- Netz & Kurzschlussniveau bestimmen: Netzform (TN/TT/IT), Nennspannung (z. B. 400/500/690 V), prospektiver Kurzschlussstrom (Ik) am Einbauort.
- NH-Einsatz wählen: Betriebsklasse (gG/aM) und Bemessungsstrom auf Leitung/Verbraucher abstimmen; thermische Reserven berücksichtigen.
- Baugröße festlegen: Aus Bemessungsstrom, Erwärmung, Kurzschlussfestigkeit und Bauraum die Baugröße (NH000…NH3) ableiten.
- Montage definieren: Sammelschiene (60/185 mm) oder Montageplatte, Leitungsabgang, Verdrahtungsführung, Lüftung.
- Selektivität sicherstellen: Zeit-Strom-Kennlinien von nach-/vorgeschalteten Schutzorganen vergleichen, Strom- und Zeitstaffelung festlegen.
- Zubehör spezifizieren: Hilfskontakte, Kennmelder, Abdeckungen, Verriegelungen.
- Dokumentation & Prüfungen: Schaltplan, Stückliste, Drehmomente, Inbetriebnahme- und Wiederholungsprüfungen festhalten.
Selektivität in der Praxis – so planen Sie richtig
Selektivität bedeutet: Im Fehlerfall löst nur das unmittelbar betroffene Schutzorgan aus; übergeordnete Ebenen bleiben in Betrieb. Das erhöht Verfügbarkeit und reduziert Stillstände.
1) Schutzebenen definieren
Die Anlage in Stufen gliedern: Einspeisung → Hauptabgang → Unterverteilung → Endstromkreis. Jede Stufe erhält ein zugeordnetes Schutzorgan (NH-Sicherungslasttrenner, Leistungsschalter, Sicherungsautomat).
2) Zeit-Strom-Kennlinien abgleichen
Kennlinien der eingesetzten Sicherungen/Schalter übereinanderlegen. Ziel ist eine stufenweise Staffelung der Auslösebereiche: Die nachgeschaltete Stufe muss vor der vorgeschalteten auslösen – im Überlast- wie im Kurzschlussbereich.
3) Strom- und Zeitstaffelung kombinieren
- Stromstaffelung: Bemessungsströme mit sinnvollen Abständen (z. B. 63 A → 160 A → 400 A) auswählen.
- Zeitstaffelung: Auf übergeordneten Ebenen trägere Kennlinie bzw. Verzögerungen (bei einstellbaren Leistungsschaltern) nutzen.
4) Anlaufströme berücksichtigen
Bei Motoren/Transformatoren sind kurzzeitig höhere Ströme normal. aM-Einsätze (Kurzschlussschutz) in Verbindung mit Motorschutzrelais verhindern Fehlauslösungen und sichern Selektivität.
5) Koordination mit Leistungsschaltern
Kombiniert man NH-Sicherungslasttrenner mit Leistungsschaltern, müssen beide koordiniert werden: Der Endstromkreis löst zuerst aus, der übergeordnete Abgang bleibt stabil. Auslösewerte und ggf. Zeitverzögerungen anpassen.
Beispielhafte Dimensionierung (vereinfachtes Praxis-Schema)
- Rahmenbedingungen: 400 V AC, TN-Netz, Unterverteilung mit Motorabgängen, bekannter Ik am Einbauort.
- Motorabgang: 22 kW, IN≈40 A, Anlaufstromfaktor ~6 × IN.
- Thermischer Schutz: Motorschutzrelais passend zum Motor.
- NH-Einsatz: aM-Charakteristik; Nennstrom so, dass Anlaufstrom überbrückt wird und Leitung geschützt bleibt; Selektivität zur übergeordneten Stufe erhalten.
- Übergeordnet: NH-Sicherungslasttrenner mit gG-Einsätzen bzw. Leistungsschalter; Bemessungsströme mit Abstand staffeln (z. B. 125 A → 250 A), Kurzschlussfestigkeit prüfen.
Dieses Schema ersetzt keine Detailberechnung, zeigt aber die Kernlogik: Lastdaten, Kurzschlussniveau, Sicherungscharakteristik und Staffelung führen zur selektiven, betriebssicheren Lösung.
Thermisches Management & Einbauregeln
- Wärmeabfuhr planen: Verlustleistung an Kontakten/Leitern berücksichtigt? Ausreichende Belüftung und Abstände vorgesehen?
- Kontaktqualität sichern: Saubere Kontaktflächen, korrekte Anzugsmomente, geeignetes Klemmsystem.
- Wartungszugang: Platz für Bedienhebel, Sicherungswechsel und Messungen vorsehen.
Ausschreibung & Beschaffung: Mustertext & Entscheidungshilfen
Muster-Ausschreibung (anpassbar)
- Gerät: NH-Sicherungslasttrenner von Hager, Baugröße NH000…NH3, Ue bis … V AC, In … A, für NH-Einsätze gG/aM.
- Montage: Sammelschiene (Mittenabstand … mm) oder Montageplatte, Leitungsabgang oben/unten.
- Anschlüsse: Klemmenart, zulässige Leiterquerschnitte, geforderte Anzugsmomente.
- Zubehör: Hilfskontakte/Mikroschalter, Kennmelder, Abdeckungen/Verriegelungen.
- Nachweise: Bemessungsdaten, Schaltvermögen/bedingter Kurzschlussstrom, Konformität gemäß einschlägiger Normen.
- Beschaffung: Lieferzeit, Staffelpreise/Rahmenvertrag, Ersatzteilverfügbarkeit, Dokumentation.
Beschaffung auf TCO optimieren
Neben dem Stückpreis zählen Montagezeiten, Wartungsaufwand, Stillstandsrisiken und Vorteile aus Standardisierung (Schulung, Ersatzteilhaltung). Eine durchdachte Auswahl amortisiert sich über den Lebenszyklus.
Typische Fehler – und wie Sie sie vermeiden
- Fehlende Selektivität: Keine Staffelung der Auslösebereiche – Folge: unnötige Abschaltungen auf höherer Ebene.
- Falsche Charakteristik: gG statt aM (oder umgekehrt) führt zu Fehlauslösungen oder unzureichendem Schutz.
- Kurzschlussniveau unterschätzt: Geräte/Sicherungen nicht ausreichend kurzschlussfest; Ik am Einbauort zwingend prüfen.
- Thermik ignoriert: Zu wenig Bauraum/Belüftung → Erwärmung und vorzeitiger Verschleiß.
- Kontaktprobleme: Unpassende Klemmen oder falsche Drehmomente erhöhen Übergangswiderstände.
Checkliste: In 10 Punkten zum passenden Hager NH-Sicherungslasttrenner
- Lastdaten (In, Anlauf, Gleichzeitigkeiten) aufgenommen
- Netzform/Spannung/Kurzschlussniveau (Ik) verifiziert
- Betriebsklasse (gG/aM) festgelegt
- Baugröße (NH000…NH3) ausgewählt
- Montageart (Sammelschiene/Montageplatte) definiert
- Leitungsabgang oben/unten & Verdrahtung geplant
- Selektivität zu vor-/nachgeschalteten Schutzorganen geprüft
- Zubehör (Hilfskontakte, Kennmelder, Abdeckungen) spezifiziert
- Dokumentation, Drehmomente, Prüfprotokolle festgelegt
- Beschaffung: Lieferzeit, Staffelpreise, Ersatzteile geklärt
FAQ: Häufige Fragen
Worin liegt der Unterschied zwischen Sicherungshalter und Sicherungslasttrenner?
Der Lasttrenner ist für das Schalten unter Last ausgelegt und bietet definierte Trennstellen und Sicherheitsfunktionen. Ein Halter dient primär der Aufnahme des Sicherungseinsatzes.
Welche Charakteristik ist richtig – gG oder aM?
gG deckt den allgemeinen Leitungs-/Anlagenschutz ab (Überlast + Kurzschluss). aM schützt primär gegen Motorkurzschluss; der thermische Schutz erfolgt separat (z. B. Motorschutzrelais).
Wie stelle ich Selektivität sicher?
Durch Strom- und Zeitstaffelung sowie den Abgleich der Zeit-Strom-Kennlinien. Nachgeschaltete Schutzorgane müssen früher und bei kleineren Strömen auslösen als vorgeschaltete.
Sammelschiene oder Montageplatte – was ist sinnvoller?
Bei hohen Strömen und modularen Aufbauten ist die Sammelschiene im Vorteil. Für kompakte Abgänge oder kleinere Ströme kann der Montageplattenaufbau die bessere Wahl sein.
Fazit
Mit einer strukturierten Vorgehensweise wählen und dimensionieren Sie Hager NH-Sicherungslasttrenner sicher und wirtschaftlich. Entscheidend sind saubere Lastdaten, die richtige Betriebsklasse (gG/aM), eine passende Baugröße, ein durchdachtes Montagekonzept und vor allem eine selektive Staffelung im Schutzsystem. So steigern Sie Anlagenverfügbarkeit, Sicherheit und Effizienz – vom Hauptabgang bis zum Endstromkreis.