Einführung: Warum ein selektiver Hauptleitungsschutzschalter (SLS) unverzichtbar ist
Ein selektiver Hauptleitungsschutzschalter, häufig auch SLS- oder SH-Schalter genannt, ist ein zentrales Element in der Energieverteilung Ihrer Anlage. Er sorgt dafür, dass nur der fehlerhafte Teil der Anlage stromfrei geschaltet wird, während die übrige Anlage in Betrieb bleibt – eine Voraussetzung zur Gewährleistung von Betriebskontinuität und Sicherheit.
Bei falsch ausgelegten, fehlerhaft installierten oder unbedacht betriebenen SLS-Systemen können gravierende Probleme auftreten: von unerwünschtem Totalausfall bis hin zu Sicherheitsrisiken. Im Folgenden zeigen wir Ihnen die 7 häufigsten Fehler beim Einsatz von SLS (besonders von Hager)und geben Ihnen praxisnahe Tipps, wie Sie sie vermeiden können.
Grundlagen: Funktionsprinzip & Anforderungen an den SLS
Was ist ein selektiver Hauptleitungsschutzschalter (SLS)?
Der SLS-Schalter ist ein strombegrenzendes und selektiv ausgelegtes Gerät, das gegenüber nachgeschalteten Überstromschutzorganen zeitverzögert auslösen kann, sodass diese Vorrichtungen zuerst reagieren.
Er wird typischerweise netzseitig im Anschlussraum (NAR) vor dem Zähler installiert und stellt sicher, dass Teilbereiche eines elektrischen Systems bei Fehlern isoliert werden, ohne das Gesamtsystem lahmzulegen.
Charakteristik & Selektivitätsanforderungen
- SLS-Schalter werden meist mit der Charakteristik **E** ausgeführt – dies ermöglicht eine zeitlich verzögerte Auslösung beim Kurzschluss und hohe Selektivität gegenüber herkömmlichen LS-Schaltern.
- Bei Überlast reagiert der SLS im Bereich von 1,05 bis 1,2 × In, bei Kurzschluss üblicherweise bei 5 bis 6,25 × In (abhängig vom Modell).
- Selektivität (auch Selektivitätskoordination) bedeutet: Nur das unmittelbar vorgeschaltete Schutzorgan löst aus, nicht das gesamte System.
Die 7 häufigsten Fehler beim Einsatz eines SLS (von Hager) und wie Sie sie vermeiden
1. Fehlerhafte Auswahl der Nennstromstärke
Ein häufiger Fehler ist die Wahl eines zu kleinen oder zu großen Nennstroms für den SLS. Wird der Strom zu niedrig gewählt, drohen häufige Auslösungen bei Betriebsspitzen; wird er zu hoch gewählt, arbeitet die Absicherung ineffektiv.
Lösung: Führen Sie eine präzise Laststromberechnung durch, berücksichtigen Sie alle Verbraucher sowie mögliche Einspeisungen (z. B. Photovoltaik, Batterien). Stimmen Sie außerdem mit den Anforderungen Ihres Energieversorgers (Technische Anschlussbedingungen, TAB) ab. Viele Netzbetreiber verlangen z. B. einen SLS mit 35 A, 40 A oder 63 A. [oai_citation:6‡Zählerschrank24]
2. Fehlende Koordination mit nachgeschalteten Schutzorganen
Ein SLS wirkt nur dann selektiv, wenn er richtig auf die nachgeschalteten Leitungsschutzschalter, Sicherungen oder Fehlerstromschutzschalter abgestimmt ist. Wenn dieser Fehler auftritt, kann der SLS selbst auslösen, obwohl der nachgeschaltete Schutz das Problem beheben könnte.
Lösung: Erstellen Sie eine Selektivitätsstudie, vergleichen Sie Kennlinien (Zeit-Strom-Kennlinie) und achten Sie auf Überlappungsfreiheit. Nutzen Sie die Herstellerangaben von Hager zu Auslöseverhalten und Strombegrenzung.
3. Falsche Auslösecharakteristik oder fehlende Verzögerung
Wenn ein SLS nicht mit der richtigen Charakteristik (z. B. E) oder ohne zeitliche Verzögerung ausgewählt wird, kann er entweder zu früh oder unzureichend auslösen, wodurch Selektivität verloren geht.
Lösung: Verwenden Sie ausschließlich SLS-Modelle mit geeigneter Charakteristik (meist E bei Hager). Achten Sie darauf, dass beim Kurzschluss eine Verzögerung vorhanden ist, sodass der nachgelagerte Schutz zuerst auslösen kann.
4. Missachtung des Bemessungs-Kurzschlussstroms (Ik)
Ein häufiger und gefährlicher Fehler liegt darin, den maximal zu erwartenden Kurzschlussstrom höher anzusetzen oder zu unterschätzen – entweder überschreitet der SLS die zulässige Bewertung oder er ist überdimensioniert und wirkt nicht selektiv.
Lösung: Ermitteln Sie den möglichen Kurzschlussstrom an der Einbauposition (z. B. durch Netzbetreiber oder Simulation). Wählen Sie einen SLS, dessen kA-Bewertung über dem erwarteten Wert liegt, aber gleichzeitig nicht zu überdimensioniert für die Koordination mit nachgeschalteten Schutzorganen.
5. Unzureichende Dimensionierung von Leitern und Anschlüssen
Auch bei einem technisch passenden SLS kann eine falsche Leiterauswahl (Querschnitt, Länge, Material) das System zum Scheitern bringen – insbesondere bei Spannungseinbrüchen oder zu hohem Widerstand in Notfällen.
Lösung: Stellen Sie sicher, dass Kabelquerschnitte, Verbindungsstellen und Anschlussdrähte den Anforderungen genügen und den maximalen Strom tragen können. Kalkulieren Sie Spannungsabfälle und berücksichtigen Sie Wärmeentwicklung. In kritischen Fällen ist eine der Sicherheit dienliche Überdimensionierung sinnvoll.
6. Vernachlässigte Temperatur- und Umgebungsbedingungen
Elektrische Bauelemente, darunter auch SLS-Schalter, reagieren auf Umgebungstemperatur. Eine zu hohe Umgebungstemperatur kann das Auslösungsverhalten beeinflussen oder die Lebensdauer reduzieren.
Lösung: Achten Sie auf Temperaturabschläge (Temperaturkorrekturfaktoren des Herstellers) und montieren Sie den SLS in gut belüfteten, temperaturkontrollierten Umgebungen. Vermeiden Sie Wärmequellen in unmittelbarer Nähe.
7. Fehlender Wartungs- und Prüfplan sowie unregelmäßige Tests
Ein häufig übersehener Fehler ist das Vernachlässigen regelmäßiger Prüfungen, Funktionskontrollen und Inspektionen. Ohne Wartung kann es zu Funktionsabweichungen oder Ausfällen kommen – besonders bei Alterung oder Verschmutzung.
Lösung: Etablieren Sie einen systematischen Wartungsplan inklusive Sichtprüfung, mechanischem Betätigen (Schaltzyklen), Auslöseprüfung und ggf. thermografischer Kontrolle. Dokumentieren Sie Ergebnisse und tauschen Sie SLS-Module rechtzeitig aus.
Praxisfälle & Tipps aus dem Alltag
Hier einige Hinweise aus der Praxis, die sich in industriellen Anlagen bewährt haben:
- Bei großen Anlagen (Fabriken, Produktionshallen) empfiehlt sich eine Segmentierung in Teilbereiche mit eigenem SLS, um Auslösezonen zu begrenzen.
- Nutzen Sie Simulationstools oder Hersteller-Software von Hager, um Selektivitätsdiagramme, Kennlinienvergleiche und Szenarien durchzuspielen.
- Planen Sie Reservekapazitäten für spätere Erweiterungen ein. Ein SLS sollte auch bei Erweiterung des Systems (zusätzliche Lasten) noch selektiv und sicher arbeiten.
- Achten Sie auf Einbauplatz und Verdrahtung – kurze Leitungen und übersichtliche Anordnung helfen, Fehler und Interferenzen zu vermeiden.
- Schulen Sie Ihr Betriebspersonal im Umgang mit SLS-Geräten (Wiedereinschalten, Störungen, Sicherheit). Ein falscher Bedienfehler kann beträchtliche Konsequenzen haben.
Fazit: Mit Wissen zu Sicherheit und Zuverlässigkeit
Der selektive Hauptleitungsschutzschalter (SLS) ist ein technisch anspruchsvolles Gerät, das bei richtiger Planung, Auswahl und Betrieb entscheidend zur Betriebssicherheit und Optimierung Ihrer elektrischen Anlage beiträgt. Die 7 oben genannten Fehler sind häufig, aber keineswegs unvermeidlich – mit systematischer Vorgehensweise und Fachwissen lassen sie sich konsequent ausschließen.
Wenn Sie SLS-Schalter (z. B. von Hager) in Ihrem Onlineshop einsetzen oder verkaufen, kann dieser Beitrag Ihren Kunden einen echten Mehrwert bieten: Er liefert technisches Know-how, bestärkt Vertrauen in Qualitätsprodukte und hilft, Fehlanwendungen zu vermeiden.
Checkliste: So vermeiden Sie Fehler beim SLS-Einsatz
- Strombedarf realistisch berechnen und passende Nennstromstärke wählen
- Selektivität gegenüber nachgeschalteten Schutzorganen prüfen
- Charakteristik (z. B. E) und verzögertes Auslöseverhalten sicherstellen
- Kurzschlussstrom ermitteln und passenden kA-Wert wählen
- Leitungen und Anschlüsse dimensionieren und optimieren
- Temperatur- und Umgebungsbedingungen berücksichtigen
- Regelmäßige Wartung, Prüfung und Dokumentation durchführen